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Pestizide: Der Cocktail-Effekt darf nicht länger ignoriert werden – auch bei „sicheren“ Dosen addieren sich die Wirkungen

10. Sep 2026

Robin: „Es reicht nicht mehr zu sagen, dass jedes einzelne Pestizid unter dem Grenzwert liegt. Die Menschen sind nicht nur einem einzigen Wirkstoff ausgesetzt.“

Es geht nicht mehr nur darum, wie viel Glyphosat, Tebuconazol oder Acetamiprid wir einzeln aufnehmen, sondern darum, was passiert, wenn diese und andere Substanzen gleichzeitig in unseren Körper gelangen.

Eine neue Studie des europäischen Forschungsprojekts SPRINT, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Environment International, rückt den sogenannten „Cocktail-Effekt“ von Pestiziden erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Untersucht wurden die Auswirkungen von Glyphosat, Tebuconazol und Acetamiprid – sowohl einzeln als auch in Kombination. Zum Einsatz kamen dabei Dosen, die nach den derzeit geltenden toxikologischen Referenzwerten als sicher gelten.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die Wirkungen der drei Substanzen addieren sich. Die Forscher sprechen von einem additiven Effekt. Weder ein antagonischer Effekt – bei dem sich die Wirkungen einzelner Stoffe gegenseitig aufheben – noch ein synergistischer Effekt, bei dem sich die Wirkungen gegenseitig verstärken, wurde festgestellt.

Die Studie zeigte zudem biologische Veränderungen, darunter erhöhte Werte von Enzymen, die auf eine Belastung beziehungsweise Schädigung der Leber hinweisen, sowie Veränderungen am Herz-Kreislauf- und am männlichen Fortpflanzungssystem bei einzelnen Versuchsgruppen.

Es handelt sich um eine toxikologische Untersuchung an Tieren und daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass beim Menschen unter denselben Bedingungen dieselben Auswirkungen auftreten. Für die Risikobewertung ist die Untersuchung dennoch von erheblicher Bedeutung: Sie zeigt, dass die gleichzeitige Belastung durch mehrere Pestizide nicht länger als nebensächliches Detail behandelt werden kann.

Das europäische Forschungsprojekt SPRINT

Wir sprechen hier nicht von einer isolierten Einzelstudie. Das Projekt SPRINT – Sustainable Plant Protection Transition, das von der Europäischen Union im Rahmen von Horizon 2020 finanziert wurde, vereinte 28 europäische Forschungspartner. Auch die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, war beteiligt.

Das 2019 gestartete und 2025 abgeschlossene Projekt hatte ausdrücklich das Ziel, die Belastung von Bevölkerung und landwirtschaftlichen Arbeitskräften durch Pestizide sowie deren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt besser zu verstehen.

Aufgegriffen wurde die aktuelle Forschung auch von der Verbraucherschutzzeitschrift Il Salvagente. Journalist Enrico Cinotti interviewte dazu Daniele Mandrioli, den Verantwortlichen für die toxikologischen Untersuchungen des SPRINT-Projekts. Der Titel des Beitrags spricht für sich: „Glifosato & Co. ecco le prove dell’effetto cocktail sulla salute“ – „Glyphosat & Co.: Hier sind die Belege für den Cocktail-Effekt auf die Gesundheit“.

Aus Sicht von Robin ist es das Verdienst von Il Salvagente, eine Frage wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion zu stellen, die bislang allzu häufig ausschließlich anhand der Grenzwerte einzelner Wirkstoffe betrachtet wurde.

„Der Verbraucher nimmt nicht nur ein Pestizid auf einmal auf“

„Genau hier liegt das Problem, das Politik und Behörden nicht länger ignorieren dürfen“, erklärt Walther Andreaus von Robin. „Der Verbraucher lebt nicht in einem Labor und ist nicht jeweils nur einer einzigen chemischen Substanz ausgesetzt. Wir essen, trinken und atmen in einer Umwelt, in der gleichzeitig verschiedene Stoffe vorhanden sein können. Zu sagen, dass jeder einzelne Wirkstoff für sich unter dem Grenzwert liegt, reicht deshalb nicht mehr aus, um die tatsächliche Gesamtbelastung zu beschreiben.“

„Wir behaupten nicht, dass diese Studie beweist, dass Glyphosat beim Menschen eine bestimmte Krankheit verursacht. Eine solche Schlussfolgerung wäre wissenschaftlich nicht korrekt. Wir sagen etwas anderes – und das ist wesentlich schwerer zu widerlegen: Wenn die Wissenschaft zeigt, dass sich die Wirkungen mehrerer Pestizide addieren können, muss sich auch das System zur Bewertung ihrer Sicherheit an diese Realität anpassen.“

Auch Europa erkennt das Problem

Das Thema ist auch den europäischen Institutionen längst bekannt. Die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, arbeitet seit Jahren an sogenannten kumulativen Risikobewertungen, bei denen die gleichzeitige Belastung durch mehrere Stoffe mit ähnlichen gesundheitlichen Auswirkungen berücksichtigt wird.

Auch die Europäische Kommission erkennt an, dass bei der Bewertung von Pestizidrückständen in Lebensmitteln kumulative Auswirkungen berücksichtigt werden müssen.

Für Robin ist es allerdings höchste Zeit, von der Erkenntnis zur konkreten Umsetzung zu kommen.

„Wenn wir wissen, dass sich die Wirkungen verschiedener Substanzen addieren können“, so Andreaus, „können wir die Sicherheit der Verbraucher nicht weiterhin hauptsächlich dadurch definieren, dass wir für jeden einzelnen Wirkstoff einen Grenzwert festlegen und anschließend so tun, als wäre damit das Problem gelöst. Verbraucherschutz darf nicht nur bürokratisch sein. Er muss biologisch, realitätsnah und an der tatsächlichen Belastung der Menschen orientiert sein.“

Robin fordert deshalb von den zuständigen Institutionen eine verstärkte Kontrolle von Mehrfachrückständen in Lebensmitteln und Umwelt, eine raschere Umsetzung kumulativer Risikobewertungen sowie eine konsequentere Anwendung des Vorsorgeprinzips, insbesondere zum Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen.

Denn der Cocktail-Effekt verschwindet nicht dadurch, dass man ihn bisher nur unzureichend misst.